sitzjessicasitz.

Jessica hatte ihren Heimbürostuhl so platziert, dass sie zur Not nach einem Alternativplaneten Ausschau halten konnte.

Nicht alle Wünsche am Zaun

Nach dem Vorfall mit dem Sekundenkleber auf Herrn Pöhlmanns Kaffeetasse hat die Klasse 2b der Bismarck-Steiner-Selbstoptimierungsschule ihre Disziplinararbeit "Wünschen statt Strafe" erfolgreich abgeschlossen. Ein erster Bewertungsbericht liegt nun vor und kann von den Eltern ab sofort juristisch angefochten werden.

Das ist umso erstaunlicher, als dass Alraune seit drei Familienfesten verweigert, sich von der alten Schachtel herzen zu lassen.

Es muss nicht zwangsläufig so sein, dass „filen bank“ automatisch im BWL-Studium endet. Find your inspiration during the Härpsferien, little Annie.

Marjorie geht es in ihrer Arbeit darum, den eigentlichen Schaffensprozess sichtbar zu machen. Gleich dem surrealistischen „Écriture automatique“ folgen ihre Notizen dem freien Fluss der Gedanken und stellen kein dramaturgisch konventionelles Narrativ aus.

Eigentlich war „Ich vermisse die anderen Kinder, und das Home-Office meiner Eltern macht mich ganz traurig“ die Antwort, die Frau und Herr Schröck-Ginzberg mit Antoiné abgesprochen hatten.

Ach, wäre doch der Hasenwunsch weniger dringlich gewesen! Dann hätte es noch genug Platz und jeder Junge endlich schriftlich gehabt, welch grober Verhaltenschnitz Fremdscham weckt.

Und alle, die Frau Bamberg kennen, werden sich diesem Wunsch mit ganzem Herzen anschließen.

Natür

Beide standen schon Aug in Aug. Ich hatte mich nichtsahnend umgedreht, zu spät. Die Rättin war erstaunlich groß, der Schwanz noch lang und länger. Auch Hundchen witterte mit milder Vorsicht, drei Handbreit weg von ihr, auf dem Kopfsteinstreifen zwischen Hauswand und Bürgersteig. Genügend Luft dazwischen hat es, bei Tieren bin ich mir sicher. Hund wedelt, sie wagt ein kleines Trippeln auf ihn zu. Mein Ruf, und er nun lieber doch zu mir, sogleich. Sie schaut ihm hinterher und wackelt dann gemächlich weiter an der Wand lang. Conciousness, ne c'est pas, im Lockdown vermenschliche ich alles, was ich kriegen kann.
Dann wartet der Zufall auf uns; und diesmal kommt er als Surrealist. Lass es vielleicht zwei Stündchen später sein, wir treten wieder auf die Straße. Von rechts ein zweites Hundmenschpaar, nervöse Kreatur, der Hund erst recht, tänzelnder Podenko, wir kennen uns, die Frau hält ihn an kurzer Leine, die Rechte aber weggestreckt vom Körper, ihr Antlitz abgewandt, der Teil ist Ausland, weit, weit fort, soll nicht zu ihr gehören. Mein Blick folgt ihrem Arm, und in der starren Klammerhand ein Ding, papierne Taschentücher drumherum, doch liegen Nase und der lange, lange Schwanz ganz frei. Podenko ist ein anderer Hund, hat zugebissen. Ist es die gleiche? Ich denke an die Zuversicht, mit der sie sich meinem entgegenstellte.
Die Frau nun nickt, stakst steif vorbei, vier Dutzend Schritte bis zur nächsten Müllorange, sie sticht das Rattenpäckchen in den vollgestopften Schlund, die Hand federt im Ekel weg, die Ratte steckt im Eimermund, und das muss reichen. Ein Kopfsprung aus der Welt, so sieht es aus. Wir gehen vorbei. Ich denke noch: Den richtigen Abstand, den werden wir alle wieder lernen müssen.

Womöglich ist das alles ein Märchen – ein Radiotipp

Eisenbart & Meisendraht heißt das monatliche Radio-Magazin für Eigenart und abwegige Literatur. Am letzten Februarsonntag findet dort nebst anderem mein Märchen von der Ameise und der Grille und ihrem gemeinsamen Feierabendpilz Gehör. Und zwar Deines – wenn Du zwischen 16 und 18 Uhr einschaltest.

Hier geht es zum Livestream von Radio Z:

Nachhören kannst Du die Sendung denn über die Mediathek des Senders:

Oder Du stöberst im Blog des Magazins:

Kurzgespräch über den und das Glauben

SIE

Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich glaube nicht an Akupunktur.

ICH

Ist dem Hund* wurscht.

*Bandscheibenvorfall. Mittels Akupunktur schmerzfrei und auf dem bestem Wege der Heilung.

Jublähum

Heute vor 64 Jahren kam meine Familie in die Bundesrepublik Deutschland. Elf Jahre Zeit, das Land auf mich vorzubereiten. War knapp.

Eine blutleere Fantasie

Niemals nüchtern, dann ist alles gut. So dacht ich über Blutabnahmen, vielleicht nicht über alle, aber stets über die nächste meinige. Die fiel nun auf den Mittag, und die Koddrigkeit würde mir also vom Leibe bleiben, sie hat ja wohl eine Uhr. Ich plaudere also mit dem Arzt, er sticht mich unmerklich an, mir wird sogleich blümerant, hatt ich's wohl doch gemerkt. Zum Glück und Frischlüften hat der Raum eine Außentür, in der ich nun stehe, kontrolliert ausblutend, tief einatmend. Der Schwindel schwindet, das Gespräch geht seinen Gang, nun mit jemand anderem, außerhalb meines Blickfelds, wir sprechen über Auftritte und Corona, ich fühle mich weidlich geborgen. Plötzlich schwindelt der Schwind wieder hin zu mir. Ein Gesicht blickt auf mich herab. Denn – Du ahnst es womöglich, aber auch, wenn nein: Das Gespräch zwischen Tür und Engel gab es nur in meinem Film. Ich war ohnmächtig gegen den Rahmen gebollert, der Arzt hatte mich bereits bodenwärts drapiert, mir die Füße hochgelegt und die Memmendecke über mich gebreitet, die mit der Aufschrift Das ist ganz normal. Wenn man Du ist. Es gab Wasser und Kekse (Krankenkasse), und nach einer gefühlten halben Stunde (es war eine ganze) konnte ich auch schon wieder aufstehen, ohne dass sich der Horizont für's Kippen entschied. Zuversicht in der Ohnmacht also. Das Ganze hatte auch was Gutes, hätte der Arzt seine Pointe nicht vergessen: "Welcher andere? Und welches Covid? Sie Fantast."

P.S. Den Cut über der Augenbraue verkauf ich als Boxkampf mit (Henry) Maske.

singsang

und manchmal bin ich grimmiger pimpf
und manchmal das klingende bäumchen
und früher in mir mehr trauriger schimpf
und später mehr freudiges schäumchen

 

da ich/du nun jedeR als insel sein soll’n
damit nicht so viele erkranken
da rudere ich also wieder zurück
auf’s eiland der eigenen schranken

und immer das träumen am tag und in klar
dass wir übersetzen und spielen
es wieder so wird wie es noch nicht war
vom eiland aufs heilland der vielen

 

ein stammeln ist das hier und ein gelall
unter’m fenster der menschlichen arten
minnegesang und kitschige qual
kann ich dicheuchuns kaum erwarten

Die Feiertagstelefonate

Ich wollte Dir nur alles Gute…
(lauscht)
Ja, danke, war schön. Und bei Euch?
(lauscht)
Na, siehste. Halt Dich tapfer. Ist halt diesmal alles anders.
(lauscht)
Nee, der ist da. Wie immer.
(lauscht)
Nee, wie denn? Ist aber für alle so. Ist die einzige Gerechtigkeit dabei.
(lauscht)
So machen wir das. Und wenn wir uns nicht mehr sprechen, (…)*: Guten Rutsch.

(Auflegen. Nächste.)

(…)* Hier fällt manchmal der Name des Gegenübers. Muss aber nicht.

Der Festfisch

Weihnachten gab es frischen Karpfen, aus Tradition. Der schwamm bereits seit ein paar Tagen in der Badewanne, damit wir uns mit ihm anfreunden konnten, bevor wir ihn aßen. Unser Omma bestand immer darauf, ihn eigenhändig umzubringen. Das habe sie ein Leben lang gemacht, und wenn diesmal nicht, da wär ihr das Fest der Liebe aber so richtig versaut… Omma also mit dem Messer ab in Bad. Nur war sie spirituell zwar boshaft für fünf Jugendliche, körperlich aber eben doch: Omma. Das hatte jetzt Konsequenzen für den Karpfen. Das war jetzt nicht mit einem schnellen Hieb für ihn vorbei.

Es wurde auch Jahr für Jahr spannender. Wer gewinnt diesmal? Omma wurd mit der Zeit dann doch ein bisschen zittrig. Da wusste man nicht: „“Omma – tötest du den Fisch noch? Oder schuppst du ihn schon ab?“ Meist glitt ihr der Fisch auch aus den Händen, klatschte auf die Fußbodenkacheln, robbte sich aus dem Badezimmer über den dunklen Flur in die Küche und schlug da seinen Kopf selber vor das Tischbein, einfach, um es hinter sich zu haben. Wir hatten dann bis zum Essen noch gute zwei Stunden, um diese Bilder aus dem Kopf zu bekommen.

Frohe Weihnachten.

Resümnee

Dieses Jahr ist bald vorbei
Und es brachte Scheißerei.
Geht es eigentlich noch schlimmer?
Pappenheimer, weißt du: Immer.

 

Denn es reicht nicht, dass es war
Nein, den Rückblick auf das Jahr
braucht’s. Von jeder Dödelfotz.
Zwölffach aufgewärmter Rotz.

 

Repetiert, ewig im Sinn
selbst nach sechs Krug Waschbenzin
Nichts vergessen, trotzdem blau
Zwanzigzwanzig, blöde Sau.

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