Nach

„Was hätte es alles werden können. Wenn nur ein paar wildentschlossene Freudenmenschen mitgestaltet hätten.“ Er wurd schon leiser: „Und nicht unsere müden Kaufmannsseelen einfach weitergemacht.“

„Ja, was denn? Was denn genau?“ nagelte ihr Widerborst zurück, der in solchen Momenten übernahm.

„Werden wir nicht erfahren“, marmelte es saftlos aus ihm, während er zum Ausgang blickte. Der ja auch nur auf einen weiteren Flur führte.

Herzensmensch

Die Glocken hüpfen bimmelnd in der Luft, als er die Tür unter ihnen aufschwingt. Und noch einmal und wieder. Weit kommt er nicht nach draußen, der Klang, der Vorhang an Nässe schluckt ihn schon an der Schwelle. Regenluft duftet in den Laden. Einmal noch Schwingen und Klingen – nicht, dass er die dünnen Klöppel gerade jetzt in den Bruch getestet hat. Sie bimmeln wach und aufgeregt.

Mehr kann er nicht tun. Er ist so müd wie noch nie. Als sie alle zuhause bleiben mussten, da war er auch in den Laden gegangen, jeden Tag. Zum Trotze. Keiner hatte es mokiert, es gab auch keinen simpleren Ort der Isolation. Niemand kam zu ihm, niemand wollte, freilich zu den anderen auch nicht, aber die Abwesenheit von Neid ist ja noch keine Rettung. Für ihn und seinen Ort, der nur Sinn machte, wenn man ihn benutzte, und der nur kostete, wenn zu wenige kamen. Und es kam keiner, keine, nicht ein Schwein, weil es ihnen ähnlich erging, was hilft ihm das, er ist allein, und wer es jetzt ist, der wird es lange bleiben, die arme Sau.

Seine erste Freude über die Pause in der Welt, so unglaublich weit zurück. Am Anfang und, manchmal noch, inmitten der Kalenderlosigkeit der isolierten Tage, hatte es eine Freiheit gehabt, sich nicht veräußern zu müssen, nichts niemandem nirgendwohin, dass es in ihm jubelte und streckte. Ein Fenster der Muße, ein Balsam, ein Freispiel. Es hätte so bleiben können, bitte bitte. Nein, er war kein Träumer, schon lange nicht. Und seine Vermieterin sicher nie. Und dann die Wucht, der Unglaube, wie schnell sich sein Fundament verflüssigt. Die Ohnmacht, dass wirklich niemand auch nur etwas an Verbindlichem wusste, auch nicht die, die es zu wissen hatten. Der Hass auf sie, trotzdem. Telefonieren, warten, reden, sich vertrösten lassen, Anträge stellen, fragen, warten, ja, wie alle, wie alle anderen, auch die, die nicht mehr zu ihm kamen. Das schwammige Schuldgefühl auch, dass er und alle, dass wir es nicht längst gerichtet hatten, mit der Gerechtigkeit in der Welt, als noch alle Zeit dafür war. Es war ja nicht so, dass sie träge gewesen waren in den fetten Jahren, im Gegenteil, stets im Flow, sich sorgend, dass die eigenen Dinge sichtbar blieben, in der persönlichen Nische des Handels, selbstgegraben.

Eine Wertschätzung hatte er, hatte er immer gedacht. In der Welt, für sich und seine Dinge. Allein dafür, dass er so einen Ort geschaffen hatte. Dass er seine Dinge wirklich liebte, die er hier feilbot. Bei allen Kompromissen, die er vorher schon eingegangen war, Umstände in Kauf nahm, die er die nicht weniger zumutbar waren als das, was jetzt widerfuhr. Für die Dinge, für seine Liebe, für die Wertschätzung und die Krümel, die vom Tische fielen und manchmal auch reichlich. Aber all das, das Vorher, das war freiwillig gewesen. Und das Freiwillige des Zwangs machte den Unterschied.

Nicht mal von seinem speziellen Ding wollt er zuletzt noch sprechen, nurmehr vom Wert im Großen, Ganzen. So wie er nicht mehr an den Wertschatz glaubte, so musste doch der Glauben wiederkehren. Ohne – da würden sie alle schrumpfen, auch wenn sich alles wieder öffnete. Er sprach über das Ding an sich in seinem heilig Geiste. Und dann war doch ein Geld gekommen, ein Irgendwas. Eine Wertstellung, plötzlich Zahl auf dem Konto, für Miete und drei Tage. Und immer noch wusste es keiner, wie lang, und es kam noch immer niemand her, wie lang auch immer, bange lang.

Und da war so viel Wut über das Falsche. Und soviel Hitze über die vertane Chance, die vor ihnen lag und fast schon wieder hinter, weil alles neu anlief auf allen alten Wegen. Er trat über die Schwelle in die noch feuchte Aura Welt und spürte seine Wahrheit kommen. In ihm stieg sie auf, aus der Finsternis des Unteren, wie der mächtige Gasfurz eines nervösen Geysirs in der Tiefsee, so drückt sie nach oben, hinaus, hinaus, hinaus aus ihm. Und da ist sie. Doch kein Grollen der Natur, sondern das panische Gezeter eines Spätzchens in der Vogelschlinge, in Flatterhaft, so gellend hoch sein Stimmchen nun wie nie: „Mein ängstlich Herz! Es schlägt mich tot!“

Und ein paar Menschen hören ihn, sie sind ja wieder da, weil es sich doch gelockert hat, und einer schaut ihn an, von vorn, so nah und dicht und gibt ihm Geld bar in die Hand und sagt: „Stimmt so. Und Zuversicht.“

Und er schaut nahe und zurück und gibt dem anderen ein Ding. Und sie erkannten einander. Denn das ist die Hoffnung, unbezahlbar, aber manchmal schon und immer bis zum Schluss.

Zen.

Wie mit dem Virus: 1. Es ist, was es ist. 2. Nicht persönlich nehmen.

Das Gute hieran

Schon schwingt sie wachgemut in den Tag. Guter Morgen. Aufschütteln, Lüften, Federn und Körper. Die alte Balkontür knarzt, blitzeblank das Doppelglas in den vertrockneten Kittrinnen. Atemzug, tief, Vogel singt auf Krüppelkiefer. Die Hinterhausschafe schlafen noch, überhaupt hat sich der Ablauf der Welt verschleppt in der Pandemie. So anders sie selbst, nicht sogleich, aber jetzt endlich. Selbst die Gymnastik ist zurückgekehrt als fester Teil ihres Morgens. Als hätte es die Zeit der Verformung nie gegeben, die sumpfige Breiigkeit der verlorenen Tage. Ein neuer Geist.
Wacht auf. Denkt selbst. Spannend steht sie über der Tastatur. Die Wahrheit schreibt sich von selbst, es ist ihre. Wie anders noch früher, all die endlos zaghaften Versuche, ihr Stochern nach Spüren und Erfüllung in die Welt zu vermitteln. Dreimal im Monat vielleicht noch ihr Kommentar, da, wo er am nötigsten war. Die bittere Ahnung, dass es so viel zu sagen gäbe und so wenig Kraft. Zum Schluss spärliche Links zu Meditation und Anleitung, zwei, drei Likes in der Reaktion, dann Schweigen.
Sie lacht, so wild. Sie hatte die Mutlosigkeit der Lämmer für ihre eigene gehalten. Nie mehr. Wie kann man nicht sehen wollen! Knickt sie nach vorn, das Gesicht an den Bildschirm. Unter dem Hanfstoff schlägt die Hüfte ein Röllchen. Dieser Wandel steht noch an. Die Denke geschärft, das Fleisch wird folgen. Wacht auf! Trägheit ist Gehorsam, zweimal, zehnmal, tausendmal am Tag. Und sie erkannte sich selbst, deutlich wie nie, vor dem grauschlierigen Hintergrund der amorphen Anderen. Mut, sie ist Mut, schwer erträglich für die Mutlosen. Erste Drohungen gibt es bereits, die Klarheit dieser Tage zu beenden. Das wird sie nicht zulassen. Sie bleibt wach, hört Ihr, hier ist eine vitale Zelle, bereit, Gesundung in den verderbten Weltenkörper zu strahlen. Und das gibt sie nicht mehr aus der Hand, nie mehr, freiwillig.

Mental stabil und viel tu zun

Stabil bin ich, freilich, freilich, danke für die Neugier. Zum Plaudern nun fehlt mir die rechte Zeit, das Tagwerk ruft. So viele Lumpen sind noch zu färben, so viel an neuen Knöpfen anzunähen. Denn das ist mein Gewerk. Knopfannäher und Lumpenfärber bin ich väterlicherseits seit einer unzähligen Generation. Die Mutter hingegen eine kaschubische Brennballmannschaft, darum wohl mein Bedarf, dass jeder vierte Knopf der Nachbarschaft um ihre Köpfe fliegt. Davor verliert sich mein Stammbaum etwas, kein Wunder, so lange siedeln wir noch nicht auf diesem Planeten. Wie war noch mal die Frage?

jetzt ist gut.

Hemd so: Knitter, Knitter.

Ich so: Bügel, Bügel.

Bügel so: Trotzdem. Nicht vergessen.

Rüde Katz.

Ja, soll ich ihn denn nie mehr streicheln? Weil sich zwischen uns die Unberechenbare geschoben hat, vor der ihm bange ist, womöglich ja mit Grund?

Wrumm ich zwo Videos löschtätää.

Weil meine Rezitation die Texte schwächer machte. Weil mir der Wohnzimmerkoller vorgaukelte, es wäre Bühne, wenn ich mich privat vor die Bildschirmkamera hock. Weil ich es jetzt weiß.

Strichmenschen. Eine Anleitung für alleinerziehend Isolierte.

Der Schlaf kommt wieder nicht zu mir
drum gehe ich. Zur Küchentür
an deren Rahmen ich sie find:
Die Wachstumsstriche für das Kind.
Einmal pro Vierteljahr mach neu
Auf dass sein Wachstum ihn erfreu.
Mich selber lässt die Küche kalt.
Ich weiß, wie Größe geht. Bin alt.

Doch heute Nacht, am -zigsten Tag
Gefangenschaft im Haus mit Blag
da jucken mich die Striche doch.
die letzen zweiundfünfzig Woch’
radier ich aus. Strichel sie neu.
Und so, dass ich mich auch mal freu
Setz jeden winzig höher an
das lässt den jüngsten, höchsten dann
ein Stück über dem Echten stehn
(würd man den Echten jetzt noch sehen).

Tag -zig plus ein. Nun komm, mein Kind,
wir wollen dich messen, komm geschwind.
Oh, sieh doch, schau doch, kann das sein!
Du schrumpfst seit letztem Male ein!
Der neue Strich steht unter’m alten.
Dann müssen wir uns unterhalten.
Was das bedeutet: Unbestritten
hast du den Zenit überschritten.
Nun fährst Du talwärts. Füge dich.
Wirst nie und nimmer größer ich.

Und für die Dauer eines Nu
da herrscht beinah perfekte Ruh
Man könnt ein’ Hauch von Weinen hören
Doch das kann mich im Schlaf nicht stören.

Um Arme

Weißt Du noch, wie’s damals war?
Vor – gefühlt – rund 100 Jahr?
Als man, Hi Hallo, umarmt hat.
Zwischen uns, da passte kein Blatt.
Manchmal war das warm und schön.
Anderem wollt man entgehen.
Doch da gab es kein Erbarmen.
Handschlag war passé. Umarmen.

Mancher rückte Dir sehr schnelle
bei Treff Eins schon auf die Pelle.
Dann gab es die Angeschwitzten.
Dann die sozial Abgeblitzten,
die sehr lang im Clinch verblieben.
Andere, die hüfthoch knicken
Brust nach vorne. Und sie rieben
ihre Hände ab am Rücken.

Meine Liebe galt den Vollen
Warm, weich und geborgen
Nicht mehr aus den Armen wollen
Kein Telefon, kein Morgen.
Drahtige hingegen schon
hatten gleichfalls Kondition
doch ich fühlte mich, als hänge
an mir’n Rucksack voll Gestänge.

Nun. Vermiss ich alle doll.
Pack mich. Piek mich. Schwitz mich voll.
Liebstes Überangebot.
Ach, ich merk’s erst in der Not.
Treff ich heute wen, dann steht er,
muss so sein, Abstand zwei Meter
Heute passt ein Baum dazwischen.
Du und ich. An zwei paar Tischen.
Sehnsucht und Parole: Bald.
und die Arme wollen Halt
und es zieht mich zu den Meinen
Digital umarmt. Zum Weinen.

Wenn Corona alle ist
Werde ich zum Umarmist.
Sie wird – richt Dich schon mal ein –
länger als die damals sein.

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