Herzensmensch

Die Glocken hüpfen bimmelnd in der Luft, als er die Tür unter ihnen aufschwingt. Und noch einmal und wieder. Weit kommt er nicht nach draußen, der Klang, der Vorhang an Nässe schluckt ihn schon an der Schwelle. Regenluft duftet in den Laden. Einmal noch Schwingen und Klingen – nicht, dass er die dünnen Klöppel gerade jetzt in den Bruch getestet hat. Sie bimmeln wach und aufgeregt.

Mehr kann er nicht tun. Er ist so müd wie noch nie. Als sie alle zuhause bleiben mussten, da war er auch in den Laden gegangen, jeden Tag. Zum Trotze. Keiner hatte es mokiert, es gab auch keinen simpleren Ort der Isolation. Niemand kam zu ihm, niemand wollte, freilich zu den anderen auch nicht, aber die Abwesenheit von Neid ist ja noch keine Rettung. Für ihn und seinen Ort, der nur Sinn machte, wenn man ihn benutzte, und der nur kostete, wenn zu wenige kamen. Und es kam keiner, keine, nicht ein Schwein, weil es ihnen ähnlich erging, was hilft ihm das, er ist allein, und wer es jetzt ist, der wird es lange bleiben, die arme Sau.

Seine erste Freude über die Pause in der Welt, so unglaublich weit zurück. Am Anfang und, manchmal noch, inmitten der Kalenderlosigkeit der isolierten Tage, hatte es eine Freiheit gehabt, sich nicht veräußern zu müssen, nichts niemandem nirgendwohin, dass es in ihm jubelte und streckte. Ein Fenster der Muße, ein Balsam, ein Freispiel. Es hätte so bleiben können, bitte bitte. Nein, er war kein Träumer, schon lange nicht. Und seine Vermieterin sicher nie. Und dann die Wucht, der Unglaube, wie schnell sich sein Fundament verflüssigt. Die Ohnmacht, dass wirklich niemand auch nur etwas an Verbindlichem wusste, auch nicht die, die es zu wissen hatten. Der Hass auf sie, trotzdem. Telefonieren, warten, reden, sich vertrösten lassen, Anträge stellen, fragen, warten, ja, wie alle, wie alle anderen, auch die, die nicht mehr zu ihm kamen. Das schwammige Schuldgefühl auch, dass er und alle, dass wir es nicht längst gerichtet hatten, mit der Gerechtigkeit in der Welt, als noch alle Zeit dafür war. Es war ja nicht so, dass sie träge gewesen waren in den fetten Jahren, im Gegenteil, stets im Flow, sich sorgend, dass die eigenen Dinge sichtbar blieben, in der persönlichen Nische des Handels, selbstgegraben.

Eine Wertschätzung hatte er, hatte er immer gedacht. In der Welt, für sich und seine Dinge. Allein dafür, dass er so einen Ort geschaffen hatte. Dass er seine Dinge wirklich liebte, die er hier feilbot. Bei allen Kompromissen, die er vorher schon eingegangen war, Umstände in Kauf nahm, die er die nicht weniger zumutbar waren als das, was jetzt widerfuhr. Für die Dinge, für seine Liebe, für die Wertschätzung und die Krümel, die vom Tische fielen und manchmal auch reichlich. Aber all das, das Vorher, das war freiwillig gewesen. Und das Freiwillige des Zwangs machte den Unterschied.

Nicht mal von seinem speziellen Ding wollt er zuletzt noch sprechen, nurmehr vom Wert im Großen, Ganzen. So wie er nicht mehr an den Wertschatz glaubte, so musste doch der Glauben wiederkehren. Ohne – da würden sie alle schrumpfen, auch wenn sich alles wieder öffnete. Er sprach über das Ding an sich in seinem heilig Geiste. Und dann war doch ein Geld gekommen, ein Irgendwas. Eine Wertstellung, plötzlich Zahl auf dem Konto, für Miete und drei Tage. Und immer noch wusste es keiner, wie lang, und es kam noch immer niemand her, wie lang auch immer, bange lang.

Und da war so viel Wut über das Falsche. Und soviel Hitze über die vertane Chance, die vor ihnen lag und fast schon wieder hinter, weil alles neu anlief auf allen alten Wegen. Er trat über die Schwelle in die noch feuchte Aura Welt und spürte seine Wahrheit kommen. In ihm stieg sie auf, aus der Finsternis des Unteren, wie der mächtige Gasfurz eines nervösen Geysirs in der Tiefsee, so drückt sie nach oben, hinaus, hinaus, hinaus aus ihm. Und da ist sie. Doch kein Grollen der Natur, sondern das panische Gezeter eines Spätzchens in der Vogelschlinge, in Flatterhaft, so gellend hoch sein Stimmchen nun wie nie: „Mein ängstlich Herz! Es schlägt mich tot!“

Und ein paar Menschen hören ihn, sie sind ja wieder da, weil es sich doch gelockert hat, und einer schaut ihn an, von vorn, so nah und dicht und gibt ihm Geld bar in die Hand und sagt: „Stimmt so. Und Zuversicht.“

Und er schaut nahe und zurück und gibt dem anderen ein Ding. Und sie erkannten einander. Denn das ist die Hoffnung, unbezahlbar, aber manchmal schon und immer bis zum Schluss.

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