Die Hoffnungsdepesche, April 2018

Lieber Mitmensch,

Gestern Morgen, beim jugendlichen Schlendern durch meinen dritten Frühling (nach den 47 ersten und zweiten) krakeelte mir ein blondgelocktes Engelchen vom Balkönchen des Plattenbaus ein: „Alter Opa, alter Opa“ hinterher. Ich bin trotzdem gegen Mietenwahn und Gentrifizierung und schlenderte also weiter, nunmehr trotzig Saltos und Räder schlagend, die meine beneidenswerten Vitalwerte in physischer Zweifellosigkeit ausstellten.

Schon kreuzte ein weiteres Kiezweib den meinigen Weg, Jahrzehnte gereifter als das unwissende Kind zuvor und mit mir verbunden in der Gemeinsamkeit, während ihres Müßiggangs nicht nur die Botanik zu genießen, sondern auch dem eigenen Hund die Möglichkeit zu geben, in dieselbige zu scheißen. Ja, ich packs danach ins Tütchen, ich bin ein braver, alter Opa.

Ihr Hund nun, ein wie der meinige, Rüde – nicht mit kleinem -r, sondern gutgelaunt und penisbehaftet – wurde nach anfänglichem Schnuppern von dermaßen hektischer Freundlichkeit befallen, dass er in deren Klimax meinen Fünfbeiner offensichtlich und sehr gerne quer über die Wiese geschoben hätte. Urby verneinte freundlich, aber bestimmt. Fremdbello hub nun aber an zu Versuch Zwei, Drei und Achtzehn – was wiederum seine Besitzerin zu einer ebenso wortreichen wie gepressten Erklärung veranlasste, die im Wesentlichen drei Regeln folgte:

1. Mach dem Fremden weis, dass dein Hund ausschließlich aus Spielfreude und/oder Dominanzverhalten so handelt, aber niemals nie nicht aus frühlingshafter Schwuleur. 2. Vermeide dabei jegliche Worte, die auch nur in der fernen Nachbarschaft von Fickificki wohnen. 3. Lass Deinen Blick dabei schon auf gar keinen Fall über die leuchtendrote Rute vom wilden Waldi streifen.

Und ebensolche Erlebnisse, mon petit Mitmensch, die Aneinanderreihung von zufälligen Begebenheiten, aus der unsere Fantasia einen Zusammenhang zaubert – und je nachdem, ob wir dabei von der Frühlingssonne erwärmt oder vom Herbstnebel angefeuchtet werden, tritt die Welt melanchol oder liebestoll ins Bild – das ist schon ein Grund, immer und immer und immer wieder raus zu gehen.

Am besten gleich hierhin: am Fr, 04.05.18, 19.30 Uhr, ins Theater O-TonArt, Kulmer Str. 20A, 10783 Berlin. Karten unter 030 – 37 44 78 12.

Und wenn Du magst: Gleich danach – Punkt 12 – kannst Du mir im Foyer meines Berliner Lieblingstheaters dabei zusehen, wie sich mir ein neuer Jahresring auf die Hüften legt. Ja, das Kind darf meinetwegen auch mit.

Dein Zeha Schmidtke, Frühlingsgote

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