Lieber Mitmensch,

jüngst nun saß mir eine Fremde zur Seite. Wären wir auch ins Gespräch gekommen, wenn uns die Bierbank, das Kennenlernspiel unter den Freilicht-Sitzmöbeln, nicht dazu genötigt hätte? Kurz einkehren wollte ich nämlich, um auszutreten. Da nun aber die Fremde an dem einen und ich am anderen Ende der bebeinten Sitzplanke darniedersaß, warnte ich sie vor meinem Aufstand, auf dass nicht meine Seite, einer Wippe gleich, in die Höhe führe und sie mit der ihren zu Boden pardauzte. Nach meiner Rückkunft aus den sanitären Eingeweiden des Cafés vertieften wir unser Zusammenspiel, ich fühlte mich so frei, sie zu ihren virtuellen Weltgeräten zu befragen: Groß wie klein hatte sie sie in Gebrauch, sie aber gleichsam von keiner der Schutzfolien befreit. Die Kunstpellen schlugen bereits erste Bläschen auf den Displays und verpassten der digitalen Ansicht eine analoge Attitüde von grober Mischhaut. „Wenn es sich dann abgenutzt anfühlt und routiniert, dann mag ich es nicht mehr benutzen.“ Und ab da konnten wir nurmehr lachen (ohne nur): Wo doch das Leben uns offensichtlich beiderseits vor einer guten Weile die Schutzfolie von den Gehäusen geknibbelt hatte. Das Ding an sich verbraucht sich in der Welt, das war uns körperwarm bekannt. Die Kunst ist es, den Gebrauch zu genießen und also seine Spuren („Handglanz“ sagt der Japaner dazu, wahrscheinlich aber auf Japanisch). Und den Inhalt immer wieder ändern, dass er weiter für uns stimmt in der Veränderung, natürlich. Am nächsten Samstag tu ich das und spiele wieder alles anders. Ein paar neue Texte lese ich wohl auch. Wenn sie gut sind: sogar laut. Die Fremde wird zugegen sein.

Nur wenn ich lache. Samstag, 21.09.19, 19.30 Uhr. Mein Solo. Theater O-TonArt, Kulmer Str. 20A, 10783 Berlin-Schöneberg (S-Yorckstr.). Karten hier über mich (auf Antwort klicken) und auf der Website vom O-TonArt.

Dein Zeha Schmidtke

Keiner kommt hier raus, aus der kopfsteinigen Quergasse, wenn er sich nicht scheppermutig mit der Schnauze in den Hauptverkehr schiebt, Zentimeter bange Einsicht gewinnend. Die blickdichte Reihe parkenden Metalls auf dem Seitenstreifen zwingt mich dazu. Du siehst erst, ob da wer kommt, wenn du soweit vorgerollt bist, dass du ihn schon zum Schlenker zwingst. Von links strömen sie, einer hupt. Die Fahrradfahrer sind da deutlicher, sie kämpfen sich eh bergauf und staken grimmig den Dreihandbreit-Zusatz um dich herum. Stich geradeaus durch die halbe Lücke, zum Mittelstreif mit Durchfahrt und Schienen, wieder stehen, jetzt kommen sie von rechts, aber die Sicht ist frei, die Radler wehend im Abwärtstempo. Einfädeln, im Fluss und weg.

Heute nicht. Es ist Sonntagfrüh, kaum wer auf der Straße sonst, für irgendwas ist die Innenstadt ab Alexanderplatz auch gesperrt, hat es irgendwo geheißen. Und sie nutzen Straßenbahnen als Zusatzbarrieren: Auf der Durchfahrt steht sie, mitten auf der Strecke, Haltestellen 100 Meter weg. Türen sind geöffnet, der Fahrer sitzt vorn auf der Treppe seines Ausstiegs. Er schaut in den Himmel, hellblau. Kein Laut, ich hab die Fenster unten. In der zweiten Tür eine schwere Frau, sitzt auch, pumpt Luft, reibt sich die Augen, hinter ihr ein Mensch, Hand auf ihre Schulter. Davor ein Rollstuhlfahrer, steht dort, wo ich sonst immer quere, raucht mit Hingabe. Noch zwei, drei Menschen, stilles Leben, Einhalt.

Jetzt erst, jetzt erst, jetzt erst: sehe ich es, das Auto auf dem Bug, von der Bahn in der Durchfahrt ergriffen, problemlos die Meter zum Straßenschild transportiert und es dorthinein geschoben. Dann müssen die Bremsen gegriffen haben; bestimmt hat es gekreischt, kein Wunder, dass jetzt alle die Stille pflegen. Es ging gut. Nur Blech ist verbogen, Autotüren stehen offen und können nicht mehr geschlossen werden ins krumme Ganze. Airbags füllen Fahrer- und Beifahrerplatz. Einer der Insassen sitzt, Füße nach draußen, auf der Rückbank. Er vertraut dem Auto in der Schwebe; die Nase der Bahn hält es in der Luft. Vor ihm steht eine Frau und streckt sich in die Brise. Ruhe, Erleichterung, die Körper sind ganz geblieben. Niemand muss eilen, niemand in Not. Hilfe kommt, alles wird. Wie klar die Menschen sind, aus dem Fluß genommen.